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Christa Bürger (Hg.) Unter Mitarbeit von Lena Lindhoff. Literatur und Leben. Stationen weiblichen Schreibens im 20. Jahrhundert.

      Stuttgart: M & P Verlag für Wissenschaft und Forschung, 1996. 196pp.

Die Sammlung von neun Aufsätzen befaßt sich mit Schristellerinnen, dem Phänomen weiblichen Schreibens, dem Schreiben als Frau, autobiographischem Schreiben und Schreiben in einer männlich dominierten Gesellschaft. Die überwiegend von Frauen verfaßten Beiträge reflektieren kritisch die vorherrschenden methodischen Diskurse von der Hermeneutik bis zum Dekonstruktivismus und nähern sich den Texten auf jeweils eigene Weise, die dem Werk wie dem historischen Kontext, der Künstlerin wie für die analysierende Schreiberin als angemessen betrachtet wird.
      Toni Tholen beschreibt eine essayistisch subjektive Auseinandersetzung anhand ihres Lesens von Clarice Lispectors "Die Passion nach G.H." (21–40)1. Tholen will in einen aktiven Dialog mit dem Text treten, in den sie auch den Leser/die Leserin ihres Essays durch die direkte Anrede (Ich-Du) miteinbezieht. Es ist der Versuch einer potenzierten "dialogischen Hermeneutik", an dem auch die Ich-Erzählerin des Romans beteiligt ist. Unter philosophisch anthropologischen Schlüsselbegriffen als Zwischentitel ("Suchen", "Reden", "Angst", "Nähe des Lesens") gleitet sie (oder er)2 assoziativ auch zu anderen Werken, Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza", Heideggers "Sein und Zeit" etc. – eine etwas gewöhnungsbedürftige, aber umso spannendere Auseinandersetzung mit einem Text.
      Christa Bürger hatte sich in ihrem vorangestellten Aufsatz "Zwischen Werk und Nicht-Werk" (7–20) schon auf Tholens Essay bezogen und die dialogischen Möglichkeiten in der Auseinandersetzung mit einem unabhängigen Kunstwerk reflektiert, dessen Form durch den Zwang zur mimetischen Nachbildung "eine Notlüge" darstellt (19). Bürger zeichnet den Weg vor, "dieser Denkspur nachzudenken", die den angemessensten Umgang mit den so unterschiedlichen Beiträgen zu "Literatur und Leben" bietet. Bürgers Beitrag kann, aber muß nicht als Einleitung zu diesem Sammelband gelesen werden. Sie stellt thesenartig die Auseinandersetzung mit der Frau als Autorin und als Kunst-Objekt männlichen bzw. Subjekt weiblichen Schreibens voran. Verschiedene traditionelle Weisen des Interpretierens werden skizziert, sei es als Versuch des Nachschöpfens in der biographischen Rekonstruktion der Werkentstehung, sei es als strukturelle Analyse, "die das Wesen der Kunst als eine von Herrschaft zu erkennen gibt" (8), oder feministisch geprägt, um der "Mythologie der Geschlechterdifferenz" (9) auf die Spur zu kommen. Sie illustriert dies mit Hinweisen auf Künstlerinnen und ihr Werk, zu denen ein jeweils angemessener Zugang unter verschiedenen Gesichtspunkten gesucht werden muß, zum Beispiel Gabriele Münter oder "Lukacz Jugendliebe, die Malerin Irma Seidel" (8). Breton wird als Kronzeuge des surrealistischen Umgangs mit Kunst aufgerufen, der konsequent versucht, Leben und Poesie eins werden zu lassen. Zugleich wird aber der immer wieder thematisierte Widerspruch deutlich, den Vaché, der Flaneur, dem Dichter Breton vorführt: "Er [Vaché] wird nicht Dichter sein, sondern poetisch leben" (13) – wie ist das in Einklang zu bringen? Wie hängen Kunst und Leben zusammen? Wie authentisch kann, muß, soll Kunst sein – und wie kann das Kunstwerk in seiner Authentizität im Lesen zurückgewonnen werden oder entstehen? Bretons Geliebte Nadja war für ihn Poesie "im Leben", doch um den "Preis des Selbstverlustes"; sie lebt nun als literarisches Werk "Nadja" fort, während die Frau Nadja als Prostituierte dem Wahnsinn verfiel (16) – ein zynisches "Selbst[?]-Opfer der Literatur" (16).
      Wie in Tholens Beitrag – und nur bei diesen beiden – ist auch dieser Aufsatz durch thesenartige, mehrdeutige Zwischentitel untergliedert: "Eindeutigkeit" (7), "Form: 'das einzig Mögliche'" (9), "Schriften, die nicht Werk sind" (10), "Is that me?" (13), "Formen-Verstehen" (17) und zum Schluß ein Literaturverzeichnis, das die Siglen im Text entschlüsselt – während alle anderen Beiträge die Nachweise in den Fußnoten liefern. Eine uneinheitliche Form der Darstellung, die der gutwillige Leser einerseits der programmatisch individuellen Zugangsweise der LiteraturwissenschaftlerInnen zum jeweiligen Werk und Thema zugute hält, die andererseits aber irritiert – ähnlich wie der aus dem Rahmen fallende einzige englische Beitrag von Ben Morgan.
      Die Herausgeberin meldet sich noch mit einem weiteren Aufsatz, diesmal einer Studie zu Marieluise Fleißer3 zu Wort, einer "Annäherung" an die Schriftstellerin (101–131). Sie untersucht eindringlich die in Fleißers Werk wirkenden subtil dunklen gewalttätigen Mächte, das "es". "Es" zeigt die Protagonisten in ihrem Innersten berührt, "als wäre es Autobiographie" (101) und läßt sie zugleich wie Zuschauer distanziert das Geschehen beobachten, in das sie dann unaufhaltsam hineingezogen werden, "weil es ablaufen muß" (109, Hervorhebung von Bürger).
      Interessant wird diese Beschäftigung mit M. Fleißer durch einen zweifachen Blick auf Autorin und Werk, da Bürgers Beitrag der von Johannes Süßmann vorangeht, mit dem Titel "Zeitroman, mimetisch. Textgeschichte, Verfahren und Status von Marieluise Fleißer" (62–100). Eine genaue Interpretation des Romans "Mehlreisende Frieda Geier", der sich ausgehend von der Entstehungs- und Werkgeschichte (vor allem den Veränderungen, die die Autorin vornahm) mit den Eigenheiten der Sprache Fleißers, ihrer Ironie (65), Erzählformen und Erzählinstanzen (75ff.), wechselnden Perspektiven und ihren Konsequenzen für die Geschlechterrollen befaßt.
      Auch Lena Lindhoff ist mit zwei Beiträgen vertreten; der erste ist eine Studie über "Das weibliche Androgyne", ein nicht gerade innovativer Zugang zur Autorin Virginia Woolf (41–61). Die Beschäftigung mit dem Roman "To the Lighthouse" unter dem Motto "Kunst als andere Praxis des Wissens" verspricht einen feministischen Interpretationsansatz. Sie gibt einen kritischen Überblick zur bisher geleisteten Forschung (42–44, 51f., 60f.) und schließt mit der These: "Wenn der Poststrukturalismus die Grenzen des Schreibens von Virginia Woolf offenbart [da sie keine "weibliche Alternative zur väterlichen Ordnung" entwickelt], so macht umgekehrt Virginia Woolf auch die Grenzen des Poststrukturalismus sichtbar" (60). Woolf konstruiere "Weiblichkeit als künstlerische Verfahrensweise" (61), indem sie sich nicht auf imaginäre und damit männlich dominierte Modelle beziehe, sondern "auf eine reale Andere: auf ihre Mutter". Diese versucht sie als unabhängige "eigene Subjektivität" in ihrem Roman zu erfassen (61). Lindhoff verfolgt eine "Theorie der schöpferischen Bisexualität als Textsinn" (41), die Rekonstruktion einer "weiblichen Genealogie" (60) – wobei zum Schluß der männlich orientierte Part zu fehlen scheint – in einer manchmal willkürlich anmutenden Verschränkung von Biographie und Werk Woolfs (41).
      Lindhoffs zweiter Beitrag folgt weiterhin dezidiert feministischer Literaturkritik unter dem Titel "Dekonstruktive Hysterie oder Die Entrückung der 'Frau' in die Texte der Männer" (164–196), in dem sie sich vor allem auf die heftig debattierten Theorien um "Emanzipation und Dekonstruktion" (164) stützt. Eigentlicher Gegenstand, neben dem Rekurs auf das Spätwerk Ingeborg Bachmanns, ist der von der "Hysterietheorie" (161) geprägte Zugang zu Marguerite Duras' Roman "Le Ravissemant de Lol V. Stein", der mit seiner Mischung aus Psychoanalyse, Lacan und "Derrida/Nietzsche" (190) helfen soll, neue Bedeutungsebenen und formale Besonderheiten zu entdecken. Sie vergleicht diesen Roman mit dem dann – unverständlicherweise nicht mehr in französischen Original zitierten – Werk "der Liebhaber"/ "L'Amant", als – dezidiert autobiographisch zu lesende – "Suche nach einer anderen, weiblichen Identifikation" (192). Der Aufsatz ist vor allem als kritischer Überblick über die Positionen des "dekonstruktiven Feminismus" (194) interessant.
      Unter dem Titel "Spaziergänge mit Lol" kann auch hier wieder auf einen ergänzenden zweiten, sehr subjektiv gehaltenen Beitrag zu Marguerite Duras' Werk4 von Heike Schmitz (152–163) verwiesen werden. Hier kann der Leser die Ich-Erzählerin auf ihrem frei assoziierenden, von keiner Sekundärliteratur befrachteten Weg mit dem und durch den Roman begleiten.
      In dem Aufsatz "Colette Peignot" (110–132) untersucht Margot Brink die autobiographischen Erzählungen Peignots und resümiert – wie zu erwarten ist im theoretisch feministisch geprägten Kontext des Bandes –, daß "Sprache [...] hier der Bezeichnung eines Herrschaftsverhältnisses zwischen den Geschlechtern" dient (127) und analysiert die Form der Fuge als "zentrales Motiv" und "als Metapher für das Leben" in einer Verschränkung von Kunst und Leben der Autorin (130).
      Ben Morgan interpretiert in seinem Beitrag "At One Remove: The Paradoxes of Jelinek's Narrative Voice" (132–151) das "pornographisch" entlarvende Sprachexperiment "Lust" und frühere Werke der streitbaren österreichischen Gegenwartsautorin und bezieht sich erschöpfend auf die Forschung zu entlarvender Verwendung von Zitaten und literarischen Motiven und zur Sprachsabotage in Jelineks Prosa. Um abschließend über die ambivalent aggressive Sprache der Autorin festzustellen: "her own eloquence testifies to the subjectivity she beat down to speak out for the subject" (151).
      Alles in allem eine provokative Zusammenstellung höchst unterschiedlicher Beiträge, die unter dem Dach des feministischen Theoriegebäudes zusammengefunden haben und durch den sehr individuell geprägten Zugang der einzelnen BeiträgerInnen zum kritischen Dialog auffordern.

Ruth Petzoldt

Anmerkungen

     1. Leider wird nicht thematisiert, daß Lispectors Werk vor gut zwanzig Jahren ursprünglich unter dem Titel "A Paix ao segundo G.H." erschien und aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt wurde.
     2. Es werden keine näheren Angaben zu den mitwirkenden AutorInnen gemacht; Christa Bürger ist Professorin am Institut für deutsche Literatur der Universität Frankfurt a.M. und hat zahlreiche Arbeiten zur Literatur von Frauen und zur ästhetischen Moderne publiziert. Lena Lindhoff ist seit 1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Institut. Sie veröffentlichte 1995 beim Metzler Verlag Stuttgart eine "Einführung in die feministische Literaturtheorie".
     3. Im Suhrkamp Verlag erschienen zuletzt (August 1995) als Taschenbuch – herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Bernhard Echte – Fleißers "Frühe Erzählungen" unter dem Titel "Die List".
     4. Ungewollt leisten diese Aufsätze einen Beitrag zum Nachruf auf die am 3. März 1996 in Paris verstorbene Schriftstellerin Marguerite Duras.

 

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